Berchtesgaden

Dem Spot zum Trotz

Berge oder vielmehr mehr …

Auch wenn ich mir meine ersten fotografischen Kenntnisse im Wesentlichen autodidaktisch angeeignet hatte, ließ ich mich hin und wieder doch dazu verleiten, an einem der vielen angebotenen Workshops teilzunehmen. Einer davon: ein Seminar zur Landschaftsfotografie im zweifellos beeindruckenden – und ebenso beliebten – Berchtesgadener Land.

Nach einem angenehm kurzweiligen Theorieteil mit einem ebenso kompetenten wie humorvollen Dozenten ging es im Auto von Spot zu Spot, teils sogar bis über die österreichische Grenze. Für die perfekten Inszenierungen war gesorgt: ein imposanter Wasserfall, ein Kirchlein vor majestätischer Bergkulisse und ein See, der beim Sonnenuntergang wie poliert wirkte. Allesamt Spots, an denen sich Filtertechniken und Kompositionsregeln ideal demonstrieren ließen – und mit denen man, technisch sauber, auch garantiert mit ein paar eindrucksvollen Bildern nach Hause kam.

Nur leider: Diese Motive kannte nicht nur unsere kleine Gruppe. Sie waren längst x-fach fotografiert, tausendfach gepostet und bis zur Bildsättigung perfektioniert worden.

Und ich? Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie mein Blick abschweifte. Statt den Wasserfall in seiner ganzen imposanten Gischtpracht zu inszenieren, faszinierten mich plötzlich die farbigen Moose an seiner Felswand. Statt des idyllischen Kirchleins zog mich ein von der Strömung blankgespülter Stein in den Bann. War mit mir etwas nicht in Ordnung?

Oder war es vielleicht genau umgekehrt?

Vielleicht war es einfach der Wunsch, das „Große Ganze“ nicht nur noch einmal abzubilden – sondern anders zu sehen. Nicht das Offensichtliche, sondern das Übersehene. Nicht das technisch Perfekte, sondern das persönlich Berührende. Vielleicht ist es genau das, was eine „besondere“ Fotografie von einer „perfekt inszenierten“ unterscheidet.

Ein paar Monate später bin ich allein zurückgekehrt. Ohne Kursplan, ohne Gruppe – nur mit Zeit und Neugier. Und meine Fotos? Vielleicht erzählen sie weniger von der Postkarten-Schönheit des Berchtesgadener Lands. Aber dafür ein bisschen mehr von dem, was man sieht, wenn man ein zweites Mal hinschaut …